Kommentar Netzkultur

Freiheit bedeutet Pflicht zur Verantwortung und Pflicht zum Nachdenken

Ein durchaus beachtenswerter Artikel finde ich:
mspr0.de: Des Piraten neue Kleider (die wir nicht sehen wollen):
Niemand hat behauptet, dass sie gut riecht, die Freiheit.

Ich kann vieles davon unterstreichen. Ich sehe eigentlich ja keinen Sinn darin, dem Thema mehr Raum zu geben.
Aber mich juckt es unter den Fingern.

Aber wieso muss man sicher herrgottverdammtnochmal eigentlich jedesmal erstmal gegen alles mögliche Distanzieren oderbei anderen Themen extra drauf hinweisen, daß man das unterstützt, damit man nicht gleich in Schubladen gesteckt wird?
Mal an die Wortführer der Entrüstung gesprochen: Entschuldigt mal bitte: Was fällt euch denn eigentlich ein, andere einfach in Schubladen zu stecken? Einfach Leuten was zu unterstellen, ohne auch nur ein Wort vorher mit denen gesprochen zu haben?

Und weil ihr Leute die in Schubldaden steckt, müssen diese sich dafür auch noch entschuldigen, daß sie da drin sind?

Merkt ihr denn nicht, daß ihr durch Sprechverbote und moralische STOP-Schilder diesen Verbrechern der Vergangenheit erst richtig Macht gibt? Macht, als unterschwelliger böser Geist in jeder Diskussion zu sein? Macht durch die Angst davor, das man dazugezählt wird?
Ohne diese Dämonisierung wird der Blick verstellt darauf, was die Nazis in Wirklichkeit sind: Kleingeistige Leute von gestern, die zu tump sind zu erkennen, daß ihre Ideale und Ziele aus dem letzten Jahrtausend sind.

Gleichzeitig nimmt ihr sie in Schutz durch eure Schubladen. Die „Nazi-Schublade“ macht aus denen Leute, die im Falle von Straftaten „nur“ politisch verblendet sind. Merkt ihr denn nicht, daß ihr ihnen genau damit das Argument einer verfolgten Gemeinschaft gebt, mit denen die unter der Jugend Leute einfangen können?

Wer Verbrechen begeht oder unterstützt, ist ein Verbrecher.
Nur weil es politische Hintergründe gibt, ist das Verbrechen nicht besser zu werten und das sollte den Status der Leute nicht ändern: Es sind und bleiben Kriminelle. Nicht mehr und nicht weniger.

Merkt ihr nicht, daß diese hochgehaltene Entrüstung und Presseartikel über z.B. ein Interview einer Zeitung, erst den Fokus auf diese Zeitung lenkt? Das ihr so PR für die macht?

Oh ja, bezeichnet Leute als Naiv und Dumm und Blöd. Und beschwert euch dann, daß andere Leute erregt sind und zurück pöpeln. In hochgesteckter und wahrscheinlich selbst nicht als solche empfundene aber als solche ankommende Arroganz wird einfach so pauschal behauptet, die Leute hätten sich nicht mit der Geschichte auseinandergesetzt.
(Ja toll, ihr kennt vielleicht einzelne Aspekte der Geschichte besser als andere. Aber die sozialen Mechanismen der heutigen Realität scheinen euch abzugehen. Das Negativ-PR auch eine PR ist und erst damit fragwürdige Firmen und Methoden am Leben erhalten werden, muss einfach jedem Netizen aus vielen Beispielen bekannt sein. )

Vor 2 Tagen klatschen und linkten noch viele auf das gute Video Rette deine Freiheit.
Schaut es euch nochmal an. Zum Beispiel ab der 40. Sekunde:
„Schaust du nicht weg, kannst du auch schnell angefixt werden und pädophil werden. Schwulenpornos machen ja auch schwul und Lespenpornos machen auch lespisch.“

Niemand glaubt den Unsinn. Und die Botschaft des Videos ist ja auch genau die, das dieser Unfug aufgehalten werden muss. Aber wenn ich einige jetzt so lese, dann hab ich den Eindruck, manche glauben genau das:

„Schaust du nicht weg, dann kannst du schnell angefixt und zum Nazi werden.
Deswegen: Wegschauen! „

Entschuldigung, aber meiner Meinung nach sind alle die dieses Video toll fanden, aber gleichzeitig Rede-STOP-Schilder hoch halten, wohl etwas unlogisch.

Dogmatisch werden Formeln hoch gehalten: „Mit denen redet man nicht. (Basta!)“.
Die wollen sich ja nur als harmlos tarnen und sich etablieren.

Seit Jahrzenten.
Und dann ist der Weltuntergang da? Oder was?
Aber das inzwischen ehemalige STATI/SED-Schergen ganz öffentlich hofiert werden, ist normal oder was? Das ein Nachrichtenmedium, welches vor Jahren die RAF unterstützte durch Abdruck der Floskeln von denen, etabliert ist, hat Deutschland auch weder sozialistischer, noch kommunistischer gemacht.

Schubladendenken macht die Welt doch so einfach. Links und Rechts. Gut und Böse.
Oh, und die ganz intelligenten haben vielleicht noch eine zweite Dimension mit der Religion dazu getan. Christlich hier, moslemisch dort. Boah ey, ich erzitterte ja vor Demut.

Wie mspr0 schreibt, hab auch ich den Eindruck, viele haben nicht zu Ende gedacht, was Freiheit (mit der dazugehören Verantwortung!) bedeutet.

Denn mit Freiheit alles zu lesen was publiziert wird, kommt auch die schwere Aufgabe dazu, das man selbst lernen muss, inhaltlichen Müll abzutrennen. Jeder sollte das Recht haben, an alle Informationen zu gelangen. Allein: Dieses Recht gebiert die Pflicht, mit diesen Informationen richtig umgehen zu können.
Das wird einen nicht mehr abgenommen. Weder vom Muttchen, noch dem Staat, noch von wie auch immer politisch oder kommerziell beeinflussten Nachrichtendienst. Die tumpen Leute die von ihrer selbst angeglaubten „Rechten“ oder „Linken“ Seite ankommen und meinen Einfluss nehmen zu können, vergessen eines:
Freiheit bedeutet auch, daß eben diese Anbiederung sichtbar und transparent wird. Das darüber kommentiert, darüber berichtet und polemisiert wird.

Es sind eure Lese-, Sortier- und Interpretationsfilter in euch selbst, die aus Menschen Nummern in Schubladen machen. Eure Filter machen die Leute wahlweise zu Nazis, Linken, Faschos, Mütterchen am Herd oder frauenrechtsfeindliche (geistige) Tatergreise. Alle so, daß sie in eure selbst definierten Schubladen passen.

Aber ist die Wirklichkeit? Wohl kaum.

Der dümmeste Filter ist auch der gefährlichste:
Wer für Meinungsfreiheit für alle eintritt, wird einfach so und dumm den Schubladen zugeordnet, die von dieser Meinungsfreiheit profitieren aber unangenehm sind.

Wer für Meinungsfreiheit eintritt, wird dann je nach Situation zugeordnet als

  • Unterstützer von Kinderpornos
  • Linker
  • Rechter
  • Spinner
  • Realitätsfremder Nerd
  • Naivling

Behaltet eure Filter ruhig, vergisst aber nicht, dass diese nur eine persönliche, subjektive und vereinfachte Sicht der Wirklichkeit darstellen. Wenn ihr das vergesst, seit ihr nicht besser als die, die ihr verachtet.

Ich halte es mit Voltaire:
„Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.“
Wobei ich bei einigen Meinungen, eher die schärfere Variante von Evelyn Beatrice Hall in „Die Freunde von Voltaire“ verwenden möchte:
„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“


  1. Eh, was? Ich versteh‘ kein Wort… Zitatblöcke würden der Übersichtlichkeit des Artikels ganz gut tun. :-)

  2. @Nils: Haste mal a bisl CSS für mich? :)

  3. Ne, ne, so einfach, dass sich alle alles zu einfach machen, ist das auch wieder nicht…. ;-) Was du erwartest, ist dass jeder bereit ist selbständig zu denken, was allein schon voraussetzt, dass jeder dazu in der Lage ist. Das ist noch mehr Anspruch, als dass sich jeder dem Gemeinwohl unterordnet….. – Und auch das ist bekanntlich grandios gescheitert……
    (Nein eine Lösung hab ich auch nicht, aber zu glauben ich hätte eine wäre reichlich naiv.)

  4. Stimmt. man kann nicht von jeden erwarten, das er/sie nachdenkt. Oder nachdenken will.

    Aber bei den Leuten, die andere meinen bewerten oder kritisieren zu müssen, verlange ich es schon. Erst recht wenn der Vorwurf der Naivität erhoben wird.

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