Webworking

"Barrierefreiheit im Internet" in der Informatikausbildung?

Ausgelöst durch eine Anfrage des Vereins Power trotz Handicap e.V. an den Bayerischen Landtag wurden allen Universitäten des Landes angeschrieben. In der ursprünlichen Anfrage (leider hab ich sie auf der Website des Vereins nicht gefunden) wurde offenbar angeregt, daß das Thema „Barrierefreiheit im Internet“ durch Aufnahme von Lehrinhalten in die Informatikausbildung zu fördern sei.
In dem mir vorliegenden kurzen Brief des Bayrischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, welche an alle bay. Universitäten ging, wird nun darum gebeten, daß die für die Ausgestaltung der Studienangebote Zuständigen prüfen sollen, inwieweit Handlungsmöglichkeiten vorhanden sind.

Einseits finde ich die Idee natürlich gut.
Andererseits kenne ich die Praxis der Informatikausbildung. Und von daher muss ich leider sagen, daß es hier wohl kaum Platz finden wird. Denn man kann ja schon froh sein, wenn man mal auf ein Informatiker trifft, der überhaupt HTML und CSS richtig anwenden kann! Diese „einfachen“ Dinge sind schlichtweg nicht Inhalt des Informatikstudiums (jedenfalls war es bei meinem nicht der Fall).

Im Gegenteil ist die Informatikerausbildung (also das reine Informatiker-Studium) schon jetzt so voll, dass da kein Platz mehr ist um das Thema Web mit all seinen Abhängigkeiten genügend zu durchleuchten. Auch und gerade mit Bologna wurde das schon vorher überfrachtete Informatikstudium nicht etwa entschlackt, sondern es werden nur mehr Leistungsnachweise eingefordert.
Selbst bei viel Sympathie zum Thema: Die Studis sind bis zur Oberkante dicht. Da geht nicht mehr drauf.

Hier an der Uni Erlangen gibt es über ein Dutzend Informatik-Lehrstühle. Und keiner davon konzentriert sich rein auf Web. Web wird eher als Nebensache gesehen zu anderen Themen, wie bspw. Kommunikationsentwicklung, Systemprogrammierung, Software-Engineering, u.a..
Das Thema Web ist daher eher anzutreffen bei gemischten, interdisziplinären Studiengängen, wie z.B. Kommunikationsdesign.
Die einzige Möglichkeit, das Thema hier an der Uni Erlangen im Rahmen eines Lehrstuhls festzuhalten wäre die Einrichtung eines neuen Lehrstuhls für „Web-Technologien und -Usability“.
IMHO nur in Rahmen eines solchen Lehrstuhls würde sowas in der Ausbildung überhaupt Sinn machen.

An kleineren Universitäten wird dies ggf. noch schwieriger sein.

Wie auch immer: Es ist schon ermutigend, daß solche Anfragen nicht einfach im bürokratischen Weg verschwinden.
Aber andererseits ist die Zielgenauigkeit IMHO zu grob gewesen. (Oder aber es fehlt an Information über die ursprüngliche Anfrage. Die war nämlich nicht dabei und man kann sie auch nicht auf die schnelle auf der Homepage des Vereines finden).

Lieber Verein und lieber andere Verbände, bitte macht weiter. Das wird immer wichtiger. Gerade wir hier in Deutschland haben gegenüber anderen Ländern da gewaltig Nachholbedarf.
Aber fordert doch nicht Dinge, die das „Wie“ betreffen, sondern das „Was“.
Und dies noch deutlicher.

Denn in Bezug auf aktive für die Rechte der Betroffenen eintretenden Verbände steht es hier im Vergleich zu Österreich eher blamabel aus. So gibt es meines Wissens kein Verband, der die Möglichkeit der Verbandsklage nutzte. Und das obwohl täglich wieder Pfusch durch Steuergelder fabriziert wird, der nicht im entferntesten Barrierefrei ist.
So zum Beispiel kann es einfach nicht sein, daß die Bundesregierung für das Projekt WhiteIT einer amerikanischen Firma (in Amerika gibt es übrigens schon lange Section 508!) Geld gibt und dann etwas erzeugt wird, was nur mit einer speziellen Software auf WIndowsrechner abrufbar ist und eine Auflösung von 800×600 erzwingt.

Technische Voraussetzungen:
Diese Website ist optimiert für eine Bildschirmauflösung von 800 x 600 Pixel.
Zum Betrachten einiger Inhalte benötigen Sie zusätzliche Software wie zum Beispiel den Adobe Acrobat Reader von Adobe und Microsoft Silverlight. An entsprechender Stelle wird Ihnen die Möglichkeit zum Download angeboten.

Zitat: Impressum Website WhiteIT.

Das solche Webauftritte heutzutage noch immer publiziert werden liegt auch daran, daß niemand etwas dagegen sagt.
Wenn ihr als Verbände oder Vereine also mit Petitionen und Anfragen in den Landtagen Gehör findet, dann setzt diese Möglichkeit doch bitte ein, um nachzuhaken warum Steuergeld für so ein Pfusch herausgegeben wird.
Und fordert mit euren Möglichkeit zur Verbandsklage Besserungen.

In Österreich kann man sehr gut sehen, wie dies funktioniert.

Hier allerdings? Nichts. Und das kann doch nicht nur daran liegen, daß ihr Angst habt, „die Hand die euch füttert zu beissen„. Denn der Pfusch passiert jetzt doch auch schon; Die Streichelfrömmigkeit der Verbände hat jedenfalls oben genannten Webauftritt nicht verhindert.

Also bitte setzt euch ein. Fordert das „WAS„, aber überlasst das „WIE“ den Leuten, die sich damit auskennen.

2 Kommentare zu “"Barrierefreiheit im Internet" in der Informatikausbildung?