Kommentar Webworking WordPress

Blöcke machen kein Content – Autoren machen das

In einigen Diskussionen lese ich davon, dass der Umstieg auf den Block Editor in WordPress am Besten zusammen mit einem Relauch erfolgt.
Zum Beispiel in diesem Twitter-Thread zur Frage von Sam Munoz:

„Have you considered offering a service „converting“ a #WordPress site you built in the past to blocks?
Why or why not?“

Wenn man die Sicht der Theme-Entwicklung heranzieht ist ein neues Block Theme der ideale Umstiegszeitpunkt: Ein komplett neues Theme, welches nur noch den Block Editor unterstützt und keine Altlasten wie z.B. Metaboxen mit sich ziehen muss, ist deutlich einfacher umzusetzen.
So kann man mit einem neuen Theme und somit auch einem neuen Design eine Menge Altlasten aufräumen, neu konzeptionieren und das Workflow modernisieren.

Also alles gut?

Wer mich kennt, weiß dass ich eine etwas andere Sichtweise einnehmen. Nämlich die der Bearbeiter und Betreiber einer Website.
Eine Website besteht nicht nur aus einer geilen Frontpage. Das ist nur das erste, schnelle „Hui“!
Meiner Meinung nach macht eine gute Seite, die dauerhaft funktioniert und Leute an sich bindet,die auch gefunden wird, etwas anderes aus: Guter Content.

Google loves good content. And you should too.

Doch wie kommen wir zu guten Content?
Guter Content wird von Autoren und Redakteuren geschrieben. Die nicht nur zum Pitch einer Agentur da sind, sondern die auch eine gewisse Dauerhaftigkeit haben. Und also länger dabei sind.
Diese Leute fokussieren sich auf den Content einzelner Seiten oder Posts. Sie recherchieren zu Artikel, sie interviewen Leute, sie sammeln geeignete Bilder und Symbolgrafiken, machen Fotos, und so weiter.

Wenn die Autoren sich auf den Content fokussieren, bedeutet dies jedoch, dass sie sich eher weniger um die allgemeine Website-Gestaltung kümmern; sieht man von der Gestaltung des Artikels mit Überschriften und Bildern oder Effekten ab.
Was bringt diesen Leuten nun ein Page Builder mit dem Sie die gesamte Website neu gestalten können? Die Autoren haben einen Artikel oder eine Seite mit Content, den sie an den Menschen bringen wollen. Das Design dagegen ist nur für die ersten Hunderstel Sekunden des Ersteindrucks durch Menschen wichtig. Und hinsichtlich der SEO-Optimierung eher nachrangig.
Welche Priorität werden da also Page Builder Funktionen gegenüber der Content-Erstellung haben?

Und „länger dabei“ bedeutet auch: Diese Leuten haben über Jahre hinweg gewisse Arbeitsmethoden entwickelt haben, mit denen sie gut allein oder im Team zurecht kommen.
Oft werden Artikel nicht in dem CMS geschrieben, sondern über Word, über Pads oder über Kooperationswerkzeuge.

Der Block Editor kommt jedoch mit einer neuen und zugegeben innovativen Art der Inhaltsbearbeitung daher. Und dies zwingt den Autoren nun plötzlich eine neue Art der Inhaltsbearbeitung auf:
Sobald der Block Editor die Absätze in einzelne Blöcke aufspaltete gehen die Probleme los. Wer hat schonmal einen Gesamtartikel, der bereits einmal vom Block Editor in einzelne Blöcke aufgespaltet wurde, nachträglich geändert? Und zwar nicht nur in einem einzigen Absatz. Genau.

Von daher halte ich die Argmentation Hey, wenn wir ein Relaunch machen, dann führen wir neben einem neuen Design auch gleich den Block Editor ein für problematisch.

Für den Theme-Designer/-Entwickler oder die hinter dem Theme-Entwickler befindlichen Agentur ist das einfach. Klar.
Aber die Autor, diejenigen also, die die eigentlich Arbeit und den Fokus der Website schaffen, die bleiben auf der Strecke!

Und mal real talk: Wenn jemand eine Agentur Geld gibt für ein neuen Relaunch, wird dann die Priorität auf das neue Design gelegt oder auf die Schulung der Autoren, die lange Jahre erfolgreich mit Classic/TinyMCE unterwegs waren und darin gewohnt sind?
Ich bezweifle, dass viele Mittel für den letzten Punkt über bleiben werden. Wenn überhaupt.

Und das macht meines Erachtens diese Herangehensweise gefährlich:
Klar, ist wird ein eine neue „Hui“ schöne Landingpage gebaut. Und acht wie toll, jeder Autor kann nun mit Blöcken tolle Magie machen und kann die sperrigen Shortcodes vergessen.
Aber was haben die Autoren bei der Contenterstellung sonst davon?

Blöcke machen kein Content.
Autoren machen das.

Und die werden durch nun gezwungen -neben der Aufgabe das neue Design zu begleiten (und später den Lesern zu erklären!)- auch noch zusätzlich ihre Workflows zu ändern.
Und da stellt sich doch irgendwann eine Frage: Ist das dann noch das Prinzip eines CMS?
Eines (Web) Content Management Systems? Bei dem man das Design austauschen kann ohne die Inhalte zu ändern? Das möglicherweise ein Archiv der Beiträge aus den letzten Jahren mit sich zieht, die keiner mal eben neu Schreiben oder neu Formatieren möchte?

Und wenn das Prinzip eines CMS nicht mehr erfüllt ist, nämlich wenn ein Update ein Wechsel sowohl des Designs als auch der Inhaltsbearbeitung nach sich zieht, warum wechselt man dann nicht auch gleich das CMS?
Und wechselt zu einem CMS, bei dem man beim TinyMCE bleiben kann?

Wenn man eh schon gezwungen wird, alles neu zu machen, wenn alles in Frage gestellt wird, ja warum sollten die Autoren und die Webmaster der Site nicht nachgrübeln und sich selbst fragen:

Wollt ihr ein neues schönes Design und den gewohnten Editor in WordPress weiter nutzen?
oder
Wollt ihr ein neues schönes Design, aber müsst auf den Block Editor wechseln?

Wenn es keine anderen CMS gäbe, wäre die Frage einfach. Man wird auf die Zukunft setzen und hoffen sich an den Block Editor zu gewöhnen. Doch es gibt auch andere CMS. Und damit gäbe es eine dritte Frage:

Wollt ihr ein neues schönes Design und den gewohnten Editor in einem anderen CMS weiter nutzen?

Und daher finde ich die herangehensweise für brandgefährlich für WordPress. Auch andere CMS haben inzwischen schöne Augen, bzw useable WYSIWYG Bearbeitung für Autoren.

Aussen mag alles Hui sein.
Wenn der Inhalt veraltet, weil die Autoren vergrault werden, wirds trotzdem Pfui.

  1. Toller Beitrag, der den Kern trifft.
    Gute Artikel entstehen in einem System für Autoren, nicht in einem System für Designer.
    Wer textet nutzt einen Editor mit dem Schwerpunkt auf die Schreiberei wie Ulysses, eine gute alte Textverarbeitung oder ein anderes Programm das darauf spezialisiert ist.
    Jeder RTE ist in meinen Augen nur für den schnellen Post zwischendurch geeignet.
    In Teams ist der Block-Editor ein Riesenproblem: die meisten Autoren sind hundsmiserable Designer und sollten keine Möglichkeiten an die Hand zu bekommen, Seiten zu gestalten, die nicht dem Styleguide entsprechen.

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