Kommentar Netzkultur Webworking

"Wer in Englisch schreibt hat ein Vielfaches an Publikum" – Und hat oft keine Ahnung.

Bei Jens Grochtdreis hat sich eine Diskussion um einen Artikel von Joe Clark zur WCAG in eine sonderbare Richtung entwickelt.
Letzlich ging es nicht um den Inhalt des Artikels, sondern um die Gründe, warum einige Leute auf Englisch publizieren.

Dabei schrieb ein Kommentator folgendes:
Wer in Englisch schreibt hat ein Vielfaches an Publikum.
und
Der technische Fortschritt (beispielsweise Atom oder HTML2) passiert in Englisch. In Deutsch wird man dem also immer hinterher rennen.

Ich halte beide Sätze für ausgemachten Blödsinn.
Ok, um freundlich zu bleiben: Es ist zumindest ein Irrum. Einige viele Studenten glauben daran vielleicht, weil der Professor das mit dem größeren Publikum erzählt. Viele Profs fordern dann auch das die Arbeiten in Englisch abgeliefert werden.
Auch Drafts etc pp. gibt es dann häufig auf Englisch. Es gibt sogar einige deutsche Informatiklehrstühle, derren Homepages den Besucher nur auf Englisch begrüßen.

Aber ich möchte mal in Zweifel ziehen ob die Leute, die in Englisch schreiben mal den Vergleich gemacht haben! Ich glaube nicht, daß dem nicht so ist. Stattdessen wird da eine Vermutung gebetet und einige geilen sich an ihrer eigenen vermeintlichen Sprachüberlegenheit auf.

Ich jedoch hab selbst den Test gemacht.

Mein Portal über die CGI-Programmierung war am Anfang der Webentwicklung (das war 1995 – damals gab es noch kein PHP und die Webentwicklung war viel mehr als heute im englischsprachigen Raum vertreten) sowohl in English als auch in Deutsch verfügbar für dieselben Tools und Artikel.
Bis etwa 1997 war das so. Und mein Portal war recht bekannt. Sowohl im deutschen, als auch im englischen Raum. Teilweise galt ich da als der deutsche Matt Wright (Nur als Hinweis für die Leute die sich etwas nicht so auskennen und erst nach 2000 „rein“ kamen).
Während der Zeit war der größte Erfolg, die Sache, für die ich am meisten positiven Feedback bekam jedoch eines: Die Übertragung der CGI-FAQ von Nick Kew ins Deutsche.
Und mehr noch: Anhand der Zugriffe, die immer gleichermaßen aus dem amerikanischen, wie dem deutschen Raum kamen, konnte ich ein wachsenden Bedarf aus dem deutschen Raum messen.
Deswegen gab es danach auch keine englischen Artikel und Übersetzungen mehr. Die Amerikaner und Engländer können es selbst genauso gut. Und wer unbedingt das haben wollte, konnte sich ja melden.
Ich hatte dadurch mehr Zeit und konnte somit dieses mehr an Zeit für Projekte (und gewinnbringende Kundenaufträge) investieren.

Der Punkt war: Jeder Troll, jeder Studi glaubt(e) seinen Prof und schrieb in Englisch. Und machte sich dann in der Regel nicht wie ich die Mühe, es gleichzeitig auch in Deutsch vorzuhalten.
Und dies war dann der Grund, warum mein Portal damals so erfolgreich wurde. Ich hatte ein Vielfaches an Publikum. Nicht weil ich auf Englisch schreib, sondern weil ich auf Deutsch schrieb! Die Leute hatten da endlich mal ein Angebot, was in der gewohnten Sprache daher kam. Und nicht in etwas, was man zwar kann, was aber dann immer die Gefahr des Missverständnisses in sich trägt.

Der Satz Wer in Englisch schreibt hat ein Vielfaches an Publikum erwies sich somit nicht nur als falsch, sondern auch als dumm. Denn die Leute, die sich daran hielten, hatten nicht mehr Publikum, sondern weniger.
Die deutschen Leser nutzen lieber die Alternativen in der gewohnten Sprache und die englischen und amerikanischen Leser werden sich beim Leser eines Textes im deutschen Schulenglisch auch nicht so gut fühlen und ebenfalls lieber eine Alternative nehmen die sie besser verstehen.

Auch der Satz
Der technische Fortschritt (beispielsweise Atom oder HTML2) passiert in Englisch. In Deutsch wird man dem also immer hinterher rennen.
zeugt eigentlich von einer gewissen Unkenntnis der Webhistorie.
In der Tat wurden viele, viele Drafts und Papers in Englisch publiziert. Internationale RFCs sind in Englisch. Ebenso natürlich die Standards des W3C. Aber die Publikationssprache ist doch lange nicht die Sprache in der die Entwicklung bei den Ideengebern und den Forschern statt findet.

Im Gegenteil kann man feststellen, daß in letzter Zeit viele Entwickler eben nicht aus dem englischsprachigen Raum kommen, sondern aus dem ehemaligen Ostblock, aus dem nördlichen Europa und aud em asiatischen Bereich.

  • ICQ ist eine Entwicklung aus Israel.
  • Die Kernentwicklung von Firebird und anderer Datenbanken findet in Russland statt
  • MySQL kommt aus Schweden
  • Linux kommt aus Finnland
  • und so weiter und so fort

Englisch erfüllt nicht mehr und nicht weniger als eine Funktion: Es ist eine Schnittstelle, die von allen benutzt werden kann.
Daraus jedoch einen Zwang abzuleiten, oder sogar zu sagen, daß Professionelles nur innerhalb des englischen Sprachraumes stattfindet ist etwas … naiv.

  1. Imo vermischt Du da ein paar Sachen. Und zwar spielt es eine entscheidende Rolle ob man was einzigartiges macht oder nicht. Wenn man etwas einzigartiges macht dann sollte man das in Englsich machen, da man da ein maximum an Leuten hat die es verstehen. Wenn man etwas macht, was andere so oder so ähnlich bereits machen sollte man es in Deutsch machen.
    Es ist also immer Frage der Zielsetzung. Eine RFC sollte man wohl kaum auf Deutsch verfassen und auch wenn so manche Projekte nicht aus englischsprachigen Ländern kommen so findet die Komunikation doch meist auf Englisch statt, weil Englisch der kleinste gemeinsamme Nenner mit den Mitentwicklern aus anderen Ländern ist.
    Ein ganz anderes und viel größeres Problem ist meiner Meinung nach die mangelnden Englischkenntnisse der Schreiber. Wenn ein Prof schreibt „How much bits does it have?“, dann sollte er definitiv lieber auf Deutsch publizieren.

  2. Bei dem „verstehen“ geb ich dir ja recht.
    Ebenso bei dem weltweiten Austausch von Ideen und Standards.
    Das ist klar das dies mit Englisch erfolgt. Das schrieb ich oben ja auch (Schnittstelle Englisch).

    Aber bei dem entwickeln von Ideen ist man nicht auf die Sprache festgelegt.
    Beispiel Firebird: Die Entwickler sprechen da alle russisch.

  3. Pingback: Der Schockwellenreiter

  4. Ich bedanke mich für diesen Beitrag!

  5. Wenn ich über ein Thema schreibe, das nur wenige Leute weltweit interessiert, dann schreibe ich auf englisch. Ich sehe es als einen entscheidenden Vorteil des Internet, dass die Wege sich verkürzen und Ort und Interesse nicht mehr durch den Faktor Geld (für Fahrten, Telefonate, Briefe, Print-Fachpublikationen…(siehe auch dort die Sprache!)) gekoppelt sind. Im Klartext: Kleine Grüppchen absonderlicher Gestalten mit noch absonderlicheren Themen treffen sich, die sich vorher nicht oder umständlicher getroffen hätten. Natürlich ist für solche Kommunikation Englisch die Sprache der Wahl. Der ganze Vorteil wäre sonst dahin.
    Andererseits spiegelt das Internet mittlerweile auch immer mehr lokale Themen und real existierende örtliche Beziehungen wieder (Insbesondere im Weblog-Sektor). In solchen Fällen macht es tatsächlich keinen Sinn, von 10 Detusche sich radebrechend auf Englisch unterhalten…
    In der Fachliteratur allerdings ist gerade der erste Fall – wenn es sich um wirklich interessantes am Puls der Forschung handelt – fast immer erfüllt, die zweite Bedingung für die Sinnhaftigkeit englischsprachiger Kommunkation ebenfalls: Dass die Beteiligten im Realraum über die ganze Welt verstreut sind, im Muttersprachraum ebenfalls.

    Was mich allerdings etwas traurig macht ist das sinkende allgemeine Interesse an fremden Sprachen, wenn es einmal nicht um Primitiv-Englisch (im Unterschied zu Kulturenglisch) geht. Aber vielleicht ist dieser höchst subjektive ja wiederum nur ein falscher Eindruck.

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