Barrierefreiheit Kommentar

Unleserlich durch Gendern? Nein, durch mangelnden Takt

tl;dr:
Gendern ist ein Ausrufezeichen für die Gerechtigkeit zwischen allen Geschlechtern.
Doch dieses sollte nicht zu Lasten anderer gehen, denen man so unabsichtlich Barrieren baut.
Kritik braucht stets auch ein gewisses Maß an Sachlichkeit und sollte kein Transportmittel sein, um sein Frust über andere, nur fern mit dem Thema zusammenhängende Dinge kund zu tun.
Wir sollten versuchen mehr den Witz, den Humor und das Gute in verschiedenen Situationen zu entdecken. Statt uns nur gegenseitig anzufrusten.
Taktgefühl ist cool.

long:
Prof. Katharina Zweig (@nettwerkerin) schrieb vor kurzem ein Buch „Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl“.
Ein Kritiker (Thilo Baum) schrieb dazu ein Kommentar, der sich jedoch nicht auf den Inhalt bezog, sondern darauf, dass die Art und Weise, mit der Frau Zweig gendert unleserlich sei: Unleserlich durchs Gendern.
Dabei wirft er es auch nicht Prof. Zweig vor, sondern sieht hier eine politisch motivierte Handlung des Heyne-Verlags.

Leider ist die Replik von Prof. Zweig noch nicht frei geschaltet worden. Hier in einem Screenshot zu lesen (leider ohne ALT-Text?).

Wie er darauf kommt, dass dies auf den Heyne-Verlag zurück geht und dieser somit Prof. Zweigs Werk nutzt um die eigene Politik zu verbreiten, begründet er nicht, noch belegt er es.

Meine Meinung:
Ich finde ja, das die Art, wie eine Person schreibt und sich ausdrückt, genauso zur Person gehört, wie eine Kleidung. Es ist ein persönlicher Stil, den ein Mensch zu einem Zeitpunkt trägt und welcher zurückgeht auf all die vorher gemachten Erfahrungen und dem aktuellen Lebensumfeld zum Zeitpunkt des Schreibens.
Man kann sachlich über Kleidung diskutieren, über eine politische Aussage, dies sie tragen kann oder ob man Casual bei Geschäftsmeetings tragen darf. Und das Gendern ist ebenfalls eine politische Aussage. Es ist Ausrufezeichen für die Gerechtigkeit zwischen allen Geschlechtern.

Man kann einen Mensch nicht aufspalten in nur den Teilen, die man jetzt fokussiert sehen oder eben lesen will.
Aber man könnte sich auf den Inhalt des Textes fokussieren. Doch dies ist Aufgabe des Empfängers. Es ist nicht Aufgabe des Senders, die Texte für jeden Empfänger vorzukauen und in den gewünschten Stil aller möglichen Empfängers zu transformieren.

So jedenfalls, wenn man auf den Inhalt des Textes eingehen wollte. Aber dies geschieht hier nicht. Denn Thilo Baum hat eben nichts sachliches zu dem Inhalt des Buch beigetragen, sondern äußert sich nur subjektiv zur Stilfrage.
Und offenbar geht auch dies nur auf einen unglücklichen Zeilenumbruch an einer Stelle zurück. So schrieb er:

Auf Seite 79 steht: „Je mehr Informationen und Kontrolle Algorithmendesigner:“ – das gestammelte Satzfragment endet mit einem Doppelpunkt. Hm. Je mehr Informationen was? Wie geht es weiter? Der Doppelpunkt steht am Zeilenende, und so treten Leserin und Leser in eine Falle. Erst wenn man sieht, dass die folgende Zeile mit „innen über den genauen Einsatzort …“ weitergeht, wird klar: Aaaaah, das soll ein Genderzeichen sein!

Das ist der ganze Auslöser. Eine unglücklich umgebrochene Zeile auf der Seite 79.

Darauf hängt er sich auf und schreibt dann einige Sätze über subjektive politische Einordnungen des Ganzen. Inklusive der unbelegten Mutmaßungen über eine politisch motivierte Einflussnahme des Verlags. (Und zwar gleich des ganzen Verlags und nicht etwa der Autorin oder der Lektorin oder des Lektors).

Wenn man etwas zu Gendern sagen möchte, dann gäbe es durchaus Dinge, die man sachlich und nicht subjektiv bemerken könnte.
Die bekannt sind und bis heute nur unbefriedigend gelöst sind.

Zum Beispiel, dass einige Genderschreibformen zwar die Diskriminierung von einer Gruppe von Menschen beheben, aber gleichzeitig in Kauf nehmen, damit andere Menschen zu diskriminieren. Nämlich der Menschen mit Sehbehinderungen, die auf einen Screenreader angewiesen sind und die aufgrund der „kreativen Typografie“ vor Barrieren gestellt werden.

Siehe dazu unter anderem:

Das wäre ein sachlicher Kritikpunkt, den man an der verwendeten Form des Genders vorbringen könnte.
So aber verbleibt die Kritik nur eines: Ein schnell, aus einem flüchtigen Impuls erzeugter, hingeworfener Kommentar.

Von nicht ganz unwesentlicher Ironie ist aber etwas, was dann doch wieder auf den Inhalt des Buches zurück führt: Der unglückliche Zeilenumbruch hinter dem „:“ basiert ebenfalls auf ein Algorithmus. Und eben auch dieser lag daneben. Es fehlt ihm am Taktgefühl – und dem obigen Kritiker an der Verständnis dieses Hintergrundes.

Und das macht das ganze bemerkenswert und irgendwie doch wieder lustig.

  1. Hallo Herr Wiese, danke für Ihren Beitrag. Ich habe den meinen ein wenig angepasst. Natürlich ist Heyne weder fundamentalistisch noch fanatisch. Er verwendet nur ein sprachliches Zeichen, das auf die gesellschaftliche Mitte wirken dürfte wie vom linken Rand.

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